Zu lange wurde das Klimarisiko lediglich in Nachhaltigkeitsberichten behandelt und von Teams gemanagt, die weit vom Vorstand entfernt agierten. Diese Trennung verringert sich. Da extreme Wetterereignisse Lieferketten unterbrechen, die CO₂-Bepreisung immer mehr an Bedeutung gewinnt und die Zeitpläne für den Übergang immer unvorhersehbarer werden, hat sich der Fokus von der Offenlegung hin zur Entscheidungsfindung verlagert. Die Frage ist nun nicht mehr, ob Vorstände das Klimarisiko anerkennen, sondern ob sie in der Lage sind, entsprechend zu handeln.
James Dennis, Direktor für Klimarisiko und Dekarbonisierungsstrategie bei KPMG UK, agiert an der Schnittstelle von Unternehmensstrategie und Klimafinanzierung. Er berät große Organisationen bei der Überbrückung der Kluft zwischen Klimaverpflichtungen und Kapitalallokation und hat einen klaren Blick darauf, wo diese Kluft am größten ist. Seine Einschätzung ist pragmatisch statt optimistisch: Fortschritte sind zwar real, doch die Berücksichtigung von Klimarisiken in gängigen Investitionsentscheidungen ist in weiten Teilen der Wirtschaft noch unzureichend.
In einem Interview mit Climate Solutions News untersucht Dennis, wie sich die Denkweise in den Führungsetagen verändert hat, warum Szenario-Modellierung die strategischen Entscheidungen in den meisten Branchen bisher nicht wesentlich beeinflusst hat und was nötig ist, damit Unternehmenskapital eine größere Rolle bei der Finanzierung von Klimainnovationen spielt. Seine Perspektive bietet eine offene Einschätzung, wo ausgefeilte Analysen bereits Entscheidungen prägen und wo der Compliance-Instinkt weiterhin im Weg steht.
CSN: Wie hat sich in den letzten drei Jahren die Denkweise britischer Aufsichtsräte hinsichtlich langfristiger Investitionsentscheidungen durch das Klimarisiko verändert?
James Dennis: Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage haben Kostensenkung und Resilienz in den letzten Jahren in den Chefetagen höchste Priorität erlangt. Dies hat die Rolle des Klimarisikos in langfristigen Investitionsgesprächen verändert. Anstatt als separates „ESG“-Thema behandelt zu werden, rückt der Klimawandel in den Fokus, wenn er sich klar mit wirtschaftlichen Ergebnissen verknüpfen lässt, sei es der Schutz von Margen, die Vermeidung von Störungen oder die Verbesserung der Geschäftskontinuität.
Der wichtigste Ansatzpunkt ist Resilienz. Vorstände konzentrieren sich zunehmend auf die praktischen Auswirkungen des Klimawandels auf die Geschäftsentwicklung und den Vermögenswert. Dies kann die Abmilderung von Schwankungen bei Ernteerträgen und Rohstoffverfügbarkeit, Störungen von Transportwegen und Logistiknetzen oder physische Schäden an wichtigen Standorten und Infrastrukturen durch häufigere oder extremere Wetterereignisse betreffen. So betrachtet, rückt das Klimarisiko in den Hintergrund und konzentriert sich stärker auf die Sicherung der Rendite. Es beginnt, Einfluss darauf zu nehmen, wo Kapital eingesetzt und welche Prioritäten gesetzt werden.
CSN: Beobachten Sie, dass vermehrt große Konzerne direkt in Klimatechnologieunternehmen investieren? Was treibt diesen Wandel an?
James Dennis: Das Interesse an Partnerschaften mit Technologieanbietern zur Unterstützung des Übergangs ist ungebrochen und gilt weiterhin als praktischer Wegbereiter. Allerdings sind die Investitionen im Vergleich zu den Vorjahren geringer ausgefallen, mit einem stärkeren Fokus auf Kapitaldisziplin und kurzfristige Umsetzung. Im Vordergrund stehen dabei vor allem die kommerziellen Chancen. Klimatechnologie ist ein wichtiger Wachstumsbereich, insbesondere in Zeiten, in denen traditionelle Märkte mit Gegenwind zu kämpfen haben. Hinzu kommt ein defensiver Aspekt: Einige Unternehmen und Investoren versuchen, sich Zugang zu neuen Technologien zu sichern, bevor es die Konkurrenz tut.
In diesem Umfeld bieten sich die größten Chancen dort, wo Technologie messbare Vorteile ohne hohe Vorabinvestitionen ermöglicht. Lösungen, die die Effizienz steigern, bestehende Anlagen optimieren, die operative Leistung verbessern und die Betriebskosten senken, setzen sich tendenziell durch. Programme, die schnell implementiert werden können, frühzeitig ihren Wert unter Beweis stellen und durch laufende Budgets statt durch hohe Investitionsausgaben skaliert werden können, genießen ebenfalls Priorität.
James Dennis, Direktor für Klimarisiko und Dekarbonisierungsstrategie bei KPMG UK
CSN: Inwieweit beeinflussen Klimaszenariomodelle die strategischen Entscheidungen von Unternehmen?
James Dennis: Klimaszenario-Modellierung und Business-Continuity-Tests stehen zwar bei immer mehr Unternehmen auf der Agenda, beeinflussen strategische Entscheidungen aber in den meisten Fällen noch nicht wesentlich. Viele Organisationen befinden sich noch in der Anfangsphase, und die Arbeit daran ist oft in Nachhaltigkeits- oder Risikoteams angesiedelt, anstatt in die allgemeine Strategie und Kapitalallokation integriert zu werden.
Wo dies geschieht, wird es typischerweise durch jüngste Störungen infolge von Klimaereignissen und Lieferkettenausfällen sowie durch wachsende Übergangsrisiken wie politische Veränderungen und CO₂-Bepreisung ausgelöst. Solche Analysen können aufzeigen, wo Geschäftsmodelle angreifbar sind und wo sich Chancen bieten. Beispielsweise kann eine Szenarioanalyse verdeutlichen, dass ein Hersteller künftigen CO₂-Kosten ausgesetzt ist und gleichzeitig ein Nachfragewachstum nach kohlenstoffarmen Alternativen aufzeigt.
In der Praxis verändern derzeit nur wenige Sektoren ihre Entscheidungen in nennenswertem Umfang, allen voran die Lebensmittel- und Getränkeindustrie und in gewissem Maße die Pharmabranche, da deren Rohstoffe und Vorprodukte bereits betroffen sind. In weiten Teilen der Wirtschaft ist die Klimarisikoanalyse noch nicht tief genug verankert, um die Marktentscheidungen von Unternehmen maßgeblich zu beeinflussen.
Diese Lücke dürfte mit der Veröffentlichung weiterer Transformationspläne deutlicher werden. Es wird klar werden, wo Organisationen Klimarisiken in ihre Strategien integriert haben und wo nicht.
CSN: Geht es bei diesen Investitionen hauptsächlich um Risikomanagement oder um die Nutzung von Wachstumschancen?
James Dennis: Die Modellierung ist zentral für das Risikomanagement und die Identifizierung von Wachstumschancen. In der Praxis nutzen Organisationen Klima- und Szenarioanalysen jedoch eher defensiv als proaktiv. Der Fokus liegt unmittelbar auf Resilienz und Kostenmanagement. Mithilfe der Modellierung werden die Anfälligkeit für Störungen, Volatilität und steigende Anforderungen analysiert und praktische Gegenmaßnahmen identifiziert.
Insbesondere im Industriesektor liegt der Schwerpunkt weiterhin stark auf Risiken, vor allem auf der Anfälligkeit der Lieferkette, der Betriebskontinuität und der Verfügbarkeit von Produktionsmitteln. Im Finanzdienstleistungssektor äußert sich dies typischerweise in Portfoliorisiken, Stresstests und Offenlegungspflichten.
Die fortschrittlichsten Unternehmen nutzen dieselben Modellierungen, um Chancen zu identifizieren. Sie verwenden sie, um vorherzusagen, wo sich die Nachfrage verlagern könnte, wo Kunden bereit sind, für kohlenstoffärmere Alternativen zu zahlen und wo der Übergang neue Einnahmequellen erschließen könnte. Diese Beispiele sind zwar noch in der Minderheit, zeigen aber, wie sich Modellierung von einer reinen Pflichterfüllung zu einem Instrument für Strategie und Investitionen entwickeln kann.
CSN: Wie entscheiden Unternehmen, welche Technologien sie fördern, insbesondere in Sektoren wie Energie, Schwerindustrie und Transport?
James Dennis: Die Auswahl der richtigen Technologien ist zweifellos komplex und anspruchsvoll. Unternehmen prüfen vor allem, ob eine bestimmte Technologie zu ihrer Strategie passt und ein Problem in ihren Betriebsabläufen löst. Sie investieren in Klimatechnologien, die direkt zu ihrem Dekarbonisierungspfad beitragen. Dabei analysieren sie genau, wo Innovationen am dringendsten benötigt werden, insbesondere bei schwer zu dekarbonisierenden Aktivitäten, wo es weniger offensichtliche Stellschrauben gibt und die Herausforderung der Emissionsminderung am größten ist.
Als Nächstes prüfen sie die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die Skalierbarkeit der jeweiligen Technologie. Im Gegensatz zu manchen Risikokapitalgebern bevorzugen Unternehmen Technologien, die kurz vor der Markteinführung stehen. Entscheidend ist dabei, ob ein etablierter Nachfragemarkt besteht, ob Kundennachfrage nachgewiesen ist und idealerweise bereits ein Auftragsbestand vorliegt, der die Zuversicht gibt, dass die Lösung über die Pilotphase hinaus skalierbar ist.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die branchenspezifische Machbarkeit der Technologie. In der Schwerindustrie sind dies CO₂-Abscheidung, Wasserstoff und Elektrifizierung, die sich in die bestehende Infrastruktur integrieren lassen. Im Transportwesen sind es alternative Kraftstoffe und Batterietechnologie. Unternehmen achten zudem auf klare Synergien mit dem Kerngeschäft, da es unwahrscheinlich ist, dass sie weit außerhalb ihrer etablierten Kompetenzen investieren. Der Fokus liegt zunehmend auf integren Ansätzen, also Technologien, die glaubwürdige und messbare Emissionsreduktionen ermöglichen. Vorstände sind heute wachsamer denn je gegenüber dem Vorwurf des Greenwashings.
CSN: Bewerten institutionelle Anleger Klimatechnologie-Startups anders als traditionelle Risikokapitalfonds?
James Dennis: Die Herangehensweise von Konzernen und Private-Equity- oder Venture-Capital-Investoren kann sich deutlich unterscheiden. Konzerne legen mehr Wert auf die strategische Passung als auf die reine Rendite. Sie fragen in der Regel, wie sie die Technologie in ihren täglichen Betrieb integrieren können und ob sie ihre Wettbewerbsposition stärkt. Oftmals haben sie einen längeren Investitionshorizont und sind unter Umständen risikobereiter, wenn die Technologie ein kritisches Problem löst. Sie legen jedoch größeren Wert auf die nachgewiesene Praxistauglichkeit – sie benötigen Lösungen, die in realen industriellen Umgebungen funktionieren, nicht nur im Labor. Auch die Dealstrukturen unterscheiden sich. Konzerne streben eher Partnerschaften oder Joint Ventures in Verbindung mit Kapitalbeteiligungen an, während Venture-Capital-Geber den Fokus auf die finanzielle Rendite legen.
Die Grenzen verschwimmen jedoch. Unternehmen werden immer professioneller, und Risikokapitalgeber engagieren sich zunehmend in der Zusammenarbeit mit Unternehmenspartnern.
CSN: Welche Fehler begehen Vorstände bei der Verknüpfung von Klimarisiken mit Anlagestrategien?
James Dennis: Der größte Fehler, den wir bei Aufsichtsräten beobachten, ist die Behandlung des Klimarisikomanagements als reine Pflichterfüllung statt als strategische Maßnahme. Manche Aufsichtsräte beauftragen Klimarisikobewertungen, um regulatorische Vorgaben zu erfüllen, doch die Analyseergebnisse verbleiben dann lediglich in einem Bericht, anstatt als Entscheidungsgrundlage zu dienen. Ein weiterer häufiger Fehler ist die ausschließliche Fokussierung auf Risikominderung und Emissionsreduzierung im laufenden Betrieb, ohne Wachstumschancen zu berücksichtigen. Unternehmen, die einen rein defensiven Ansatz verfolgen, verpassen die Chance, in Märkte zu investieren, die zukünftigen Wert schaffen.
Ein damit zusammenhängendes Problem besteht darin, dass viele Organisationen die Dekarbonisierung immer noch primär betreiben, um ihre gesteckten Ziele zu sichern und ihre Glaubwürdigkeit in Bezug auf diese Verpflichtungen zu wahren, anstatt Entscheidungen anhand eines klaren Wertkriteriums zu überprüfen. Die Gefahr besteht darin, dass Investitionen sich auf das Erreichen der formalen Ziele konzentrieren, anstatt die Maßnahmen zu priorisieren, die den größten operativen oder kommerziellen Nutzen für das Unternehmen bringen.
Es besteht zudem die Tendenz, das Tempo des Wandels zu unterschätzen. Vorstände gehen von einem schrittweisen Übergang aus, doch Politik, Technologie und Marktstimmung können sich rasant entwickeln. Und mangelhafte Daten bleiben ein anhaltendes Problem. Ohne verlässliche Daten zu Emissionen und Risiken lassen sich keine fundierten Entscheidungen treffen.
CSN: Erwarten Sie mit Blick auf die Zukunft, dass Unternehmenskapital eine größere Rolle bei der Finanzierung von Klimainnovationen spielen wird, insbesondere wenn die Risikokapitalfinanzierung weiterhin knapp bleibt?
James Dennis: In einem angespannten Umfeld für Risikokapital ist zu erwarten, dass Unternehmenskapital eine größere Rolle spielen wird. Viele Unternehmen sind gut positioniert, um einen Teil der Lücke zu schließen, insbesondere bei Startups in späteren Phasen, da sie diese Technologien für ihre eigenen Transformationen benötigen und teilweise über die nötigen finanziellen Mittel für Investitionen verfügen.
Dennoch werden sie selektiv vorgehen. In den meisten Fällen achten Unternehmen auf eine nachgewiesene Nachfrage, einen festen Auftragsbestand oder klare Prognosen für die kurzfristigen Umsätze sowie eine starke Ausrichtung auf ihr Kerngeschäft. Es ist unwahrscheinlich, dass sie ohne überzeugende Geschäftsgrundlage ein signifikantes Risiko eingehen, insbesondere in Zeiten, in denen viele Organisationen Kosten sparen müssen.
Eigenkapital allein wird nicht ausreichen. Wir gehen davon aus, dass in vielen Fällen staatliche Unterstützung erforderlich sein wird, um die Kapitalbelastung zu reduzieren und Risiken zu teilen, insbesondere in Zeiten von Sparmaßnahmen. Blended Finance und andere Risikominderungsmechanismen werden oft entscheidend sein, um Projekte zur Finanzierung zu bringen.
Klimainnovationen benötigen geduldige und risikobereite Finanzierung, und Risikokapital wird auch weiterhin in der Anfangsphase eine entscheidende Rolle spielen. Ich gehe jedoch davon aus, dass Unternehmen zunehmend aktiver werden – nicht nur als Kunden oder Käufer, sondern auch als strategische Investoren, sofern die Voraussetzungen stimmen. Wer Technologien findet, die sowohl für das eigene Geschäft als auch für die zukünftige kohlenstoffarme Wirtschaft geeignet sind, wird gute Chancen haben. Es geht darum, die eigene wirtschaftliche Zukunft zu sichern – ein Thema, über das ich nächste Woche auf der Reset Connect North in Leeds ausführlicher sprechen werde.
Mit der Veröffentlichung von Transformationsplänen durch immer mehr Organisationen wird es zunehmend schwieriger, die Diskrepanz zwischen formulierten Zielen und tatsächlich umgesetzter Strategie zu verbergen. Für Vorstände, die Klimarisiken weiterhin lediglich als Berichtspflicht und nicht als strategischen Faktor betrachten, könnte sich das Zeitfenster für eine unauffällige Kurskorrektur bald schließen.
James Dennis wird am 3. und 4. März 2026 auf der Reset Connect North in Leeds sprechen. Unternehmensinvestitionen in Klimainnovationen werden dort ein zentrales Thema sein. KPMG UK ist Hauptsponsor der Veranstaltung.
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