Das in Edinburgh ansässige Unternehmen Exergy3 hat 11.4 Millionen Euro eingeworben, um seine Technologie zur Umwandlung von überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien in industrielle Hochtemperaturwärme weiterzuentwickeln. Damit will Exergy3 eine der hartnäckigsten Emissionsquellen der europäischen Wirtschaft angehen. Die Seed-Finanzierungsrunde positioniert das Unternehmen in einer wachsenden Gruppe von Startups, die auf industrielle Dekarbonisierung durch Elektrifizierung anstatt durch Wasserstoff oder CO₂-Abscheidung setzen.
Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) entfallen rund 20 Prozent des weltweiten Energieverbrauchs auf industrielle Wärme. Ein Großteil dieses Bedarfs liegt über 400 Grad Celsius – ein Temperaturbereich, den Wärmepumpen nicht erreichen können und in dem die Elektrifizierung bisher wirtschaftlich schwierig war. Exergy3 behauptet, seine Wärmespeichertechnologie könne diese Lücke schließen, indem sie überschüssigen, kostengünstigen Strom aus erneuerbaren Energien aufnimmt und ihn bedarfsgerecht als Prozesswärme abgibt.
Markus Rondé, CEO von Exergy3, erklärte: „Es handelt sich hierbei um zwei Seiten derselben Medaille. Die Industrie benötigt zuverlässige Hochtemperaturwärme, während große Mengen erneuerbaren Stroms ungenutzt bleiben. Exergy3 bringt diese beiden Aspekte zusammen – wir wandeln überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien in zuverlässige und kostengünstige Wärme für die Industrie um. Das bedeutet geringere Emissionen, niedrigere Energiekosten und ein widerstandsfähigeres Energiesystem. Dank dieser Finanzierung können wir die Pilotphase schnell zur kommerziellen Umsetzung übergehen.“
Warum industrielle Wärme weiterhin ein Engpass bei der Dekarbonisierung bleibt
Der Industriesektor ist der am schwierigsten zu modernisierende Bereich des Energiesystems. Stahl, Zement, Glas und Chemikalien benötigen dauerhaft hohe Temperaturen, die fossile Brennstoffe seit über einem Jahrhundert billig liefern. Erneuerbare Energien haben die Strommärkte zwar verändert, aber Gas und Kohle in Fabriköfen und Brennöfen deutlich weniger verdrängt.
Die wirtschaftlichen Ursachen des Problems sind struktureller Natur. Die Erzeugung erneuerbarer Energien ist zunehmend intermittierend und produziert periodisch mehr Strom, als das Netz benötigt, wodurch die Großhandelspreise auf null oder darunter sinken. Industrieunternehmen können diesen billigen Strom nicht einfach ohne Speichersystem nutzen, das die Versorgung glättet und Wärme mit der richtigen Temperatur und zum richtigen Zeitpunkt liefert. Exergy3 bietet mit seiner Technologie genau diese Pufferfunktion und wandelt so ein Problem des Netzmanagements in eine Geschäftschance für energieintensive Hersteller um.
Die Dekarbonisierungsagenda der Europäischen Union für die Industrie erhöht den regulatorischen Handlungsdruck. Das EU-Emissionshandelssystem hat die CO₂-Preise so weit angehoben, dass Alternativen zu fossilen Brennstoffen für große Emittenten wirtschaftlich attraktiv sind. Der Net Zero Industry Act und der Industrial Decarbonisation Accelerator Act, beide Teil des umfassenderen Green Deals, formulieren Erwartungen an die heimische Produktion sauberer Technologien und schaffen so ein günstiges politisches Umfeld für Unternehmen wie Exergy3.
Das Wettbewerbsumfeld für Wärmespeicher
Exergy3 betritt ein Feld, das zunehmend Kapital anzieht. Unternehmen wie Rondo Energy in den USA und Heatrix in Deutschland verfolgen vergleichbare Ansätze zur Hochtemperatur-Wärmespeicherung mittels elektrifizierter Systeme. Der Sektor hat unter anderem deshalb Aufmerksamkeit erregt, weil die zugrundeliegenden Materialien – feuerfeste Steine und Widerstandsheizelemente – gut erforscht und im Vergleich zu elektrochemischen Batterien oder Elektrolyseuren relativ kostengünstig sind.
Die Unterschiede zwischen diesen Unternehmen liegen im Betriebstemperaturbereich, der Entladungseffizienz und der Integration in spezifische Industrieprozesse. Exergy3 hat die genaue maximale Temperatur seines aktuellen Systems nicht öffentlich bekannt gegeben, was einen unabhängigen technischen Vergleich zum jetzigen Zeitpunkt erschwert. Die Finanzierungsrunde bestätigt jedoch, dass Investoren ausreichend kommerzielles Potenzial sehen, um das Unternehmen auf dem voraussichtlich kapitalintensiven Weg zu den ersten kommerziellen Anwendungen zu unterstützen.
Schottland bietet ein geeignetes Testfeld. Die Windressourcen des Landes zählen zu den produktivsten in Europa, und die sogenannte Abschaltregelung – bei der Windparks für das Abschalten bezahlt werden, wenn das Stromnetz ihre Produktion nicht aufnehmen kann – hat britische Verbraucher in den letzten Jahren jährlich Hunderte Millionen Pfund gekostet. Die Umwandlung dieser abgeregelten Energie in industrielle Wärme anstatt ihrer Verschwendung ist ein Argument, das sowohl bei Netzbetreibern als auch bei industriellen Energieabnehmern Anklang findet.
Was kommt als Nächstes für Exergy3?
Die eingeworbenen 11.4 Millionen Euro werden voraussichtlich die technische Entwicklung, Pilotanlagen und die notwendigen kommerziellen Partnerschaften finanzieren, um die Technologie im industriellen Maßstab zu validieren. Startkapital für Deep-Tech-Hardware-Unternehmen deckt selten den gesamten Markteintritt ab. Exergy3 muss seine zuverlässige Leistungsfähigkeit in realen Industrieumgebungen unter Beweis stellen, bevor das Unternehmen die für größere Implementierungen erforderliche Projektfinanzierung einwerben kann.
Die allgemeine Entwicklung des Sektors deutet darauf hin, dass das Zeitfenster für den Nachweis der Technologie zwar klein, aber real ist. Europäische Industrieabnehmer von Energie sehen sich mit steigenden CO₂-Kosten, volatilen Gaspreisen und zunehmendem Druck von nachgelagerten Kunden und Regulierungsbehörden zur Emissionsreduzierung konfrontiert. Eine bewährte, kostengünstige Quelle sauberer Prozesswärme würde auf einen aufnahmefähigen Markt stoßen.




